
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern war Weihnachten. Also heute ist auch noch Weinachten. Aber wenn man in Österreich von Weihnachten spricht, meint man eigentlich nur den Abend des vierundzwanzigsten Dezembers. Er wird auch der Heilige Abend genannt.
Alle feiern an diesem Abend. Die Familie trifft sich zu Hause. Meistens ist es so, dass alle zu den Großeltern gehen. Wenn die Kinder älter werden und schon selbst Kinder haben, wird es für die Großeltern dann manchmal zu turbulent. Es will auch niemand mehr den Großeltern zumuten, für alle Essen kochen zu müssen. Dann übernimmt oft die nächste Generation die große Einladung am vierundzwanzigsten Dezember.
Es gibt verschiedene traditionelle Speisen, die an diesem Abend gekocht werden. Früher war das vor allem der Weihnachtskarpfen. Manche Leute mögen aber diesen Fisch nicht und er ist nicht so einfach zuzubereiten. Deswegen hat heute eigentlich jede Familie ihr eigenes Essen für Weihnachten. Bei uns gibt es noch keine fixe Speise zu Weihnachten. In den letzen Jahren haben wir aber schon ein paar Mal ein vietnamesisches Fondue gemacht. Dabei kann jeder in einer stark gewürzten Suppe sein Fleisch, Garnelen oder Tofu wärmen und dann in ein Reisblatt mit Salat wickeln. Das schmeckt allen bei uns und es ist sehr gesellig, weil man lange gemeinsam am Tisch sitzt bis alle satt sind. Mit klassisch österreichischem Essen hat das natürlich gar nichts zu tun, aber wir sind beim Essen schon sehr international geworden.
Nach dem Essen folgt dann der eigentliche Höhepunkt des Abends, die Bescherung. Das Wort stammt aus dem Mittelhochdeutschen und hat ursprünglich bedeutet, dass man etwas teilt. Heute wird es nur noch für das Übergeben der Geschenke am Heiligen Abend verwendet.
Die österreichische Besonderheit
Obwohl, die Bescherung hat noch eine zweite, gegenteilige Bedeutung, die man auch im Alltag verwendet. Wenn man sagt: „Das ist eine schöne Bescherung.“, dann ist das ironisch gemeint, wenn etwas Schlechtes passiert. Es muss aber schon ein besonderes Pech dabei sein, um diesen Spruch zu sagen. Wenn zum Beispiel ein Teller hinunterfällt und er zerbricht, dann reicht das noch nicht für eine „Schöne Bescherung“. Wenn es aber dein Lieblingsteller war, dann hast du allen Grund zu sagen: „Oh mein Gott, das war mein Lieblingsteller! Das ist eine schöne Bescherung! Den bekomme ich nie wieder!“
Der Spruch kommt wahrscheinlich daher, dass auch die Geschenke manchmal nicht so sind wie man sie erwartet hätte. Wenn im schönen Päckchen dann etwas Unnützes drinnen ist und nicht das, was man sich gewünscht hat, dann ist das auch eine „Schöne Bescherung“. Es kommt dabei auf die Betonung und den Zusammenhang an. Wenn sich die Familie beim nach Hause Gehen einig ist, dass das heuer eine besonders schöne Bescherung war, dann ist es wahrscheinlich auch so gemeint und nicht ironisch.
Aber wie kommen die Geschenke eigentlich unter den Christbaum? Dort liegen sie nämlich irgendwann im Laufe des Abends plötzlich. Dann läutet eine Glocke und die Kinder laufen aufgeregt zum Baum und ihre Augen strahlen vor Freude und Überraschung. Ungefähr bis die Kinder in die Schule kommen wird ihnen erzählt, dass das Christkind die Geschenke bringt, nicht der Weihnachtsmann wie in vielen Ländern. Wie gesagt wird heute auch in Österreich alles internationaler und Dank der vielen Weihnachtsfilme und -geschichten wird auch bei uns vieles vermischt. Ursprünglich war es aber so, dass das Christkind, also eigentlich Christus, also Jesus als Neugeborenes Baby sowohl den Christbaum als auch die Geschenke bringt. Ja, auch der Baum heißt in Österreich Christbaum und nicht Weihnachtsbaum.
Das führt uns gleich zu einer weiteren österreichischen Weihnachtstradition, dem Christkindlmarkt. Schon ab Mitte November, spätestens aber im Dezember öffnen die Christkindlmärkte. Sie heißen in Deutschland Weihnachtsmärkte oder Adventmärkte, bei uns eben auch Christkindlmärkte. Wir lieben das Christkind anscheinend sehr. Am Christkindlmarkt wird traditionell Glühwein oder Punsch getrunken und man kann verschiedene Geschenke kaufen. Oft handelt es sich beim Christkindlmarkt heute um Kunsthandwerksmärkte, bei denen Leute ihre selbst gemachten Schätze anbieten. Du findest dort Schmuck, Töpferwaren, Sachen aus Holz und vieles mehr. Am meisten ist aber ehrlich gesagt immer dort los, wo es etwa zu Essen und zu Trinken gibt!
Die letzte österreichische weihnachtliche Tradition von der ich dir erzählen mag, ist der Adventskranz. Der heißt interessanterweise nicht Christkindlkranz wie du dir vielleicht gedacht hättest. Der Adventskranz besteht aus eng gebundenem Stroh und wird mit Tannenzweigen und Christbaumschmuck dekoriert. Dann kommen vier Kerzen drauf. Die Adventszeit beginnt vier Sonntage vor dem Heiligen Abend. Heuer hat sie besonders kurz gedauert, weil der vierte Advent schon der Heilige Abend war, also ein Sonntag. So hatten wir nur drei Wochen Advent, was für unser Gefühl besonders schnell vergangen ist. Jeden Sonntag wird dann am Abend eine zusätzliche Kerze am Adventskranz angezündet. Folglich sind die Kerzen immer unterschiedlich groß und die vierte Kerze kann nicht mal annähernd abbrennen. Das macht aber den Leuten nichts. Fast jeder kennt wen, der gerne Kerzen einschmilzt, um neue daraus zu machen. Dem gibt man seine nicht abgebrannten Kerzen vom Adventskranz einfach. Niemand würde ihn weiter benutzen nach Weihnachten oder die Kerzen für etwas anderes verwenden. Sie waren nur da, um die Wartezeit auf Weihnachten netter zu gestalten.
Zum Schluss muss ich dir noch verraten, dass ich dir heute noch nicht die ganze Wahrheit gesagt habe. Wahrscheinlich hast du es schon an meiner Stimme gehört, dass etwas anders ist. Tatsächlich musste ich gestern ganz alleine mit Corona zu Hause bleiben. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich das Weihnachtsfest nicht mit meiner Familie gemeinsam feiern. Immerhin habe ich per WhatsApp Video an der Bescherung teilgenommen und meine Geschenke wurden mir vor die Türe gestellt. Es ging mir zwar nicht so schlecht, aber ich wollte einfach niemanden anstecken, deswegen habe ich das so entschieden. Nächstes Jahr bin ich hoffentlich wieder ganz dabei. Moderne Medien sind ja gut und schön, aber einen Abend mit der Familie können sie tatsächlich nicht ersetzen!
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