
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern war ich spazieren und bin an vielen geschmückten Häusern vorbeigegangen. Derzeit ist Herbst und es ist Erntezeit für viele Feldfrüchte und auch für Kürbisse. Die Kürbisse werden von Kindern ausgehöhlt und Gesichter geschnitzt. Dann stellt man eine kleine Kerze hinein, die das meistens gruselige Kürbisgesicht leuchten lässt. Diese Tradition gibt es in Österreich schon seit Längerem. Zusätzlich kommt in den letzten Jahren immer mehr Halloweendekoration dazu. Für die Kinder heutzutage ist Halloween ein großes Ereignis. Es gibt jede Menge Partys mit Verkleidung und die Kinder gehen von Haus zu Haus und verlangen Süßes oder Saures. Alle diese Bräuche kommen aus Amerika und in Österreich werden sie erst in letzter Zeit modern.
Interessanterweise gibt es zur gleichen Zeit in Österreich ganz ähnliche Feiertage und Bräuche. Es sind die Tage Allerheiligen und Allerseelen am ersten und am zweiten November. Es sind eigentlich katholische Feiertage, die auch heute noch in vielen Familien eine wichtige Bedeutung haben. Sie sind von der Wichtigkeit im Jahresverlauf zwar nicht mit Weihnachten zu vergleichen. Das wird viel größer gefeiert. Es treffen sich aber viele Familien und gehen gemeinsam zum Friedhof, um dort die verstorbenen Vorfahren zu besuchen. Es werden Blumen gekauft und die Gräber damit dekoriert und Kerzen angezündet. Diese beiden Feiertage wurden im achten und neunten Jahrhundert von der katholischen Kirche zu genau diesem Zweck festgelegt. Man sollte die Toten ehren. An Allerheiligen vor allem die Toten, die von der Kirche später heilig gesprochen wurden und an Allerseelen alle anderen Verstorbenen.
Nun habe ich mich gefragt, warum alle diese Feste genau zu dieser Jahreszeit stattfinden. Es ist natürlich passend, dass es schon früher finster wird, weil man die Kürbisgesichter dann so schön leuchten sieht. Die Halloweenfeste machen auch mehr Spaß, wenn man sich im Dunkeln gruseln kann vor den verschiedenen verkleideten Gespenstern und angsteinflößenden Masken. Ich bin draufgekommen, dass alle diese Feste tatsächlich mit der dunkler werdenden Jahreszeit zu tun haben.
Beginnen wir mit Halloween. Das hat einen keltischen Ursprung. Es war vor über zweitausend Jahren das Neujahrsfest in Schottland und Irland. Das Jahr wurde mit der Ernte im Herbst abgeschlossen und hat mit der ruhigen Zeit des späten Herbstes begonnen. Irgendwie macht das Sinn, den Jahreszyklus nach der Erntezeit zu begehen und zu feiern. Dass nach Abschluss der Jahresernte auch das Jahr endet erscheint mir logisch. Man hatte dann auch endlich Zeit, um zu feiern. Gleichzeitig konnte man sich durch die Kerzen und Feuer langsam an die dunkle Zeit gewöhnen. Es wurden böse Geister damit vertrieben und bei den Göttern hat man sich für die hoffentlich gute Ernte bedankt. Die Menschen haben sich verkleidet, um die Geister zu verwirren. Auch wenn es heute kein Neujahrsfest mehr ist, hat sich eindeutig aus diesen Traditionen Halloween entwickelt.
Im Laufe der Geschichte sind viele Schotten und Iren nach Amerika ausgewandert und haben Teile ihrer Feste und Bräuche mitgenommen und dort noch ausgebaut. Deswegen kommt es uns heute so vor, als wäre Halloween von Amerika zu uns gekommen.
Der Ursprung von Allerheiligen und Allerseelen ist ganz ähnlich. Auch hier war die Erntezeit wichtig, aber auch der allgemeine Kreislauf der Natur. Die Blätter fallen von den Bäumen. Die Stauden sterben ab und ziehen sich in den Boden zurück. Die kalte und finstere Zeit beginnt. Der natürliche Zyklus von Leben und Sterben und die Endlichkeit des Lebens zeigen sich. Dieser Übergang der Natur zur Zeit der Ruhe und Besinnung bietet sich an, um an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern und der Verstorbenen zu gedenken.
Schließlich habe ich die Bedeutung des Namen Halloween analysiert. Das Wort kommt von „All Hallows Eve“. Das bedeutet so viel wie „Der Abend vor Allerheiligen“. Spätestens jetzt versteht man, dass Halloween und Allerheiligen eigentlich genau das gleiche sind. Das eine wird in den letzten Jahren bloß besser vermarktet. So kannst du schon Wochen vor Halloween jede Menge Zeug für deine Party kaufen und dein ganzes Haus innen und außen im Gruselstyle gestalten.
Allerheiligen ist nur für die Blumengeschäfte ein gutes Geschäft. Wie ich schon erzählt habe, werden viele Gräber zu diesem Anlass mit Blumen und Gestecken geschmückt. Eine wichtige Kleinigkeit habe ich noch nicht erwähnt. Auch die Bäcker verkaufen etwas Besonderes zu diesem Anlass und es wird in vielen Familien gegessen, auch wenn die meisten Leute gar nicht wissen warum.
Die österreichische Besonderheit: Der Allerheiligenstriezel
Traditionell isst man in Österreich rund um Allerheiligen einen Allerheiligenstriezel. Ein Striezel ist ein süßes Hefegebäck, das aus mehreren Teigsträngen geflochten ist. Ein anderes Wort dafür wäre Zopf. Die Form symbolisiert die Einheit und Gemeinschaft, die aus mehreren Teilen besteht, die zusammengeführt sind. Die Süße und der feine Geschmack des Striezels dienen als Trost und Genuss während des Gedenkens an die Verstorbenen an Allerheiligen. Oft sind im Allerheiligenstriezel Rosinen. Die sind ein Symbol für die Tränen der Leidenden. Das Backen und Verschenken von diesem Gebäck ist also eine Geste des Gedenkens an Verstorbene und eine Möglichkeit, Anteilnahme und Trost auszudrücken und zu erleben.
Ich bin schon neugierig, ob heuer am einunddreißigsten Oktober wieder Kinder anläuten werden und Süßes oder Saures verlangen. Ich könnte ihnen dann erklären, warum sie das überhaupt tun und dass sie mit ihrer Verkleidung die Geister verwirren. Aber ich denke, sie würden dann nur denken, dass ich selbst verwirrt bin und darauf warten, dass ich ihnen endlich die Süßigkeiten gebe.
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