
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern waren wir in den Weinbergen des Nachbarortes spazieren. Die Sonne war noch am Abend angenehm warm und der Wind hat nur leicht geweht. Am Ende des Spazierganges sind wir durch die Kellergasse gegangen.
Eine Kellergasse gibt es eigentlich in jedem Ort in Weinbaugebieten Österreichs. Sie schlängeln sich meistens einen Hügel hinauf und bestehen aus einer schmalen Straße mit beidseits angeordneten kleinen Häuschen. Die Häuschen sind traditionell weiß gestrichen und haben eine große Eingangstüre. Die Türe ist aus Holz gemacht und oft besonders schön gestaltet.
Die Häuser waren früher Presshäuser. Die Weintrauben wurden direkt nach der Ernte am Heimweg dort hingebracht und gleich ausgepresst.
Das österreichische Wort
Ich habe vorher gesagt „Ernte“, aber das ist nicht das richtige Wort, wenn es um das Pflücken von Weintrauben geht. Das wird in Österreich als „Weinlese“ oder einfach nur „Lese“ bezeichnet. Das Wort ist verwandt mit dem Begriff „auslesen“, was soviel bedeutet wie etwas auswählen. Die Weinlese bezeichnet also nicht das einfache Ernten von Obst. Sie beschreibt, dass der Weinbauer die reifen und gesunden Trauben aussucht, abschneidet und vorsichtig in einen Behälter legt, damit sie ganz bleiben. Je nach Qualität des Weines wird die Lese auch heute noch von Hand, ganz ohne Maschinen gemacht, weil so die Qualität viel genauer bestimmt werden kann.
Es gibt sogar spezielle Weinsorten, bei denen die Trauben erst gelesen werden, nachdem sie schon längst reif waren. Sie sehen dann schon fast aus wie Rosinen und ergeben nach dem Pressen einen besonders kräftigen Wein. Die Trauben werden dann als Trockenbeeren bezeichnet. Ein Wein aus diesen Trauben wird Trockenbeerenauslese genannt. Du siehst, dass das Wort „Lese“ oder „Auslese“ dort sogar in der Bezeichnung des Weines vorkommt.
Aber zurück in die Kellergasse. Sie befindet sich also zwischen den Weinbergen und dem Wohnort der Weinbauern, weil es praktisch war, die Trauben am Heimweg gleich abzuliefern.
Ganz klassisch wurden sie oft in große Holzbottiche geschüttet und dann mit den Füßen zertreten. Danach wurde auf die Trauben ein runder Holzdeckel gelegt. Dieser wurde in der Presse immer tiefer nach unten gedreht. So ist der Saft ausgetreten und konnte aufgefangen werden.
Heute wird der Wein nicht mehr in der Kellergasse gepresst. Das ehemalige Presshaus hat seinen Namen behalten, es ist aber entweder leer oder es wird für andere Zwecke genutzt. Manche Weinbauern verwenden es nur für private Zwecke. Sie treffen sich dort mit Freunden und verkosten den Wein. Andere haben es zu kleinen Lokalen umgebaut und schenken im sogenannten „Heurigen“ ihren Wein auch an Gäste aus. Das Wort „Heuriger“ habe ich in Folge neun erklärt.
Du fragst dich mittlerweile wahrscheinlich, warum es „Kellergasse“ heißt, obwohl von Kellern noch gar nicht die Rede war. Der Keller ist aber tatsächlich der größte Teil des Bauwerkes, auch wenn man ihn von außen natürlich nicht sieht. Hinter dem meist kleinen Presshaus wurde tief in den Weinberg gegraben, um dort den Wein zu lagern. Die einfachsten davon sind reine Erdkeller. Die Weinbauern haben recht schmale Röhren in die Erde gegraben, damit diese ohne Stützung oder Beton halten und nicht einbrechen. Größere Bereiche wurden mit einem Kellergewölbe unterstützt. Ein Kellergewölbe zu mauern ist eine handwerkliche Herausforderung. Es werden Ziegelsteine bogenförmig angeordnet. Dadurch verkeilen sie sich nach unten und können schwere Lasten tragen.
In so einem Keller hat es das ganze Jahr über fast die gleiche kühle Temperatur und immer eine gleiche hohe Luftfeuchtigkeit. Das sind ideale Bedingungen zum Reifen und Lagern des Weines. Während der Zucker der Trauben zu Alkohol umgewandelt wird entsteht sogenanntes Gärgas. Das besteht hauptsächlich aus Kohlendioxid. Es ist also das gleiche Gas, das wir ausatmen. Auch die Perlen im Mineralwasser und in Limonaden bestehen daraus. Es ist also grundsätzlich nicht giftig. Trotzdem ist es sehr gefährlich, einen Weinkeller während der Gärung zu betreten. Das Kohlendioxid verdrängt den Sauerstoff und man erstickt, obwohl man atmet. Aus diesem Grund sind die Weinbauern früher immer mit einer Kerze in den Keller gegangen. So lange sie gebrannt hat wusste er, dass ausreichend Sauerstoff vorhanden ist. Ist ihre Flamme schwach geworden oder gar ausgegangen, musste er schnell umdrehen und ins Freie gehen.
Heute wird wie gesagt in den Kellergassen meistens nicht mehr gearbeitet. Der Wein wird in größeren und modernen Betrieben produziert und oft auch dort gelagert. Viele der schönen alten Weinkeller mit ihren Presshäusern verfallen. Das ist sehr schade, weil die Kellergassen ein wichtiger kultureller Teil unseres Landes sind. Hoffentlich werden Möglichkeiten gefunden, sie zu erhalten.
Ganz am Ende unseres gestrigen Spazierganges haben wir dann einen wunderbaren Heurigen mitten in der Kellergasse gefunden. Dort konnten wir uns stärken und haben noch einen schönen Abend gemeinsam verbracht.
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