22 – UNESCO Weltkulturerbe oder Wie ein Fisch im Wasser

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.

Gestern habe ich mir nochmal die Fotos von meinem letzten Urlaub im Salzkammergut angeschaut. Ich habe dir in Podcast Folge neunzehn davon erzählt. So eine tolle Gegend. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Die außergewöhnliche und schützenswerte Kulturlandschaft zählt auch zum UNESCO Weltkulturerbe.

Um dort aufgenommen zu werden, müssen strenge Kriterien erfüllt werden. Diese werden von einer Kommission geprüft. In Österreich gibt es zehn Stätten, die zum Weltkulturerbe zählen. Dazu gehören einige Städte und deren Bauten, so wie die Wiener, Salzburger und Grazer Innenstadt, das Schloss Schönbrunn in Wien und das Schloss Eggenberg in Graz.

Außer dem Salzkammergut zählen noch die Wachau und der Neusiedlersee, von dem ich dir in Folge achtzehn erzählt habe, dazu. Dann gibt es noch eine berühmte Eisenbahnstrecke, die aufgenommen wurde. Das ist die Semmeringbahn. Sie führt auf den gleichnamigen Berg und wurde schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut. Damals war sie eine der ersten Gebirgseisenbahnen der Welt. Sie war ein wegweisendes technisches Projekt und ein Meilenstein in der Eisenbahngeschichte. Sie hat neue Standards für den Bau von Eisenbahnen in schwierigem Gelände gesetzt. Die Semmeringbahn durchquert anspruchsvolles Gelände mit steilen Anstiegen, engen Kurven und tiefen Schluchten. Sie hat beeindruckende Brücken, Tunnel und Viadukte.

Es gibt noch ein weiteres österreichisches Werk der Menschheit, das zum Weltkulturerbe zählt und das hat mich besonders überrascht, da ich noch nicht wirklich davon gehört habe und es auch noch nicht gesehen habe. Dass ich es noch nicht gesehen habe, ist wiederum weniger überraschend, da man es tatsächlich nicht sehen kann. Es handelt sich dabei um Pfahlbauten an verschiedenen Gewässern. Schon in der Steinzeit vor zirka siebentausend Jahren haben Menschen in solchen Siedlungen gelebt.

Ich erkläre dir das ein bisschen genauer. Die Erde war noch großteils mit Urwald bewachsen. Ein Leben am Wasser hat viele Vorteile gebracht. Dort konnten die Menschen fischen, sie hatten frisches Trinkwasser und auch der Boden am Ufer war fruchtbar und feucht, um Landwirtschaft zu betreiben.

Über das Wasser konnten die Menschen auch einfacher Handel betreiben. Es gab natürlich noch keine Straßen und der Transport am Land war sehr viel schwieriger als am Wasser, auf Seen und auf Flüssen. Es gab damals nur einfache Boote, vor allem ausgehöhlte Baumstämme.

Gleichzeitig gab es auch einige Gefahren am Wasser. Allen voran natürlich Überschwemmungen. Deswegen war es riskant, dort zu leben. Dafür waren die Pfahlbauten eine Lösung. Die Menschen haben ganze Baumstämme im flachen Wasser am Ufer in den Seeboden gebohrt. Die Stämme sind zwei Meter tief in den Boden versenkt. Wie das damals ohne technische Hilfsmittel gelingen konnte ist die Frage. Die Menschen müssen sehr geschickt und stark gewesen sein, um das zu schaffen. Sicher hat es auch sehr viele Helfer gegeben, die zusammengearbeitet haben.

Auf diesen Pfählen wurden dann einfache Holzhütten errichtet. Jetzt kannst du dir vorstellen, warum man heute von diesem Weltkulturerbe eigentlich nichts mehr sieht. So eine Holzhütte über dem Wasser hält natürlich keine siebentausend Jahre. Umso erstaunlicher ist es, dass die Pfähle im Seeboden diese Zeit überstanden haben und von Tauchern schon vor zirka einhundert Jahren gefunden wurden. Schon damals konnte man die Pfahlbauten rekonstruieren. Bei meinen Recherchen bin ich draufgekommen, dass es sogar am Attersee, ganz in der Nähe meines heurigen Urlaubsortes ein wieder aufgebautes Pfahlbaudorf gibt. Das tut mir jetzt wirklich leid, dass ich das versäumt habe.

Es gibt einige Gründe, warum das Holz im Wasser tausende von Jahren überstehen konnte. Es gibt kaum Bakterien und Mikroorganismen im Schlamm, die das Holz abbauen könnten, weil es dort sehr wenig Sauerstoff gibt. Der Schlamm legt sich also wie eine Schutzschicht über das Holz. Außerdem nimmt das Holz im Laufe der Zeit Mineralstoffe aus dem Wasser auf und wird dadurch härter und widerstandsfähiger.

Es gibt aus der damaligen Zeit keine schriftlichen Aufzeichnungen und klarerweise keine Fotos. Man hat aber Wandzeichnungen und in Felsen gekratzte Bilder gefunden, in denen Pfahlbausiedlungen und das Leben in diesen Siedlungen dargestellt wurden. So sieht man zum Beispiel auf Felsen rund um den Attersee eingeritzte Boote und Fische. Daraus kann man schließen, dass damals schon gefischt wurde.

Die österreichische Redensart „Sich wie ein Fisch im Wasser fühlen.“

Man sagt diesen Spruch, wenn man sich in einer bestimmten Situation besonders wohl fühlt. Man geht davon aus, dass die Menschen in ihren damaligen Siedlungen sehr gut an das Leben am Wasser angepasst waren und sie sich sowohl am Land als auch im Wasser zu Hause gefühlt haben. Diese Redensart verwendet man aber grundsätzlich ganz unabhängig von Wasser. Wenn jemand zum Beispiel gerne auf Berge steigt, kann man sagen: „Wenn sie am Berg ist, fühlt sie sich wie ein Fisch im Wasser.“

Ich hoffe, dass ich bald wieder die Gelegenheit habe, ins Salzkammergut zu fahren. Ich will mir unbedingt die Pfahlbausiedlung am Attersee anschauen und mir dabei vorstellen, wie die Menschen damals dort gelebt haben.

Wenn dir diese Folge gefallen hat, abonniere den Podcast, dann versäumst du keine Ausgabe mehr. Ich freu mich auch über eine gute Bewertung. Bis zum nächsten Mal!


Hinterlasse einen Kommentar