18 – Der Neusiedlersee oder Windige Abenteuer

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.

Gestern sind mein Sohn Leon und ich gleich am Vormittag zum Neusiedlersee gefahren. Das Wetter war sonnig und warm angesagt, darum haben wir schon vor ein paar Tagen diesen Ausflug geplant. Wir fahren immer wieder gerne zu diesem besonderen See. In den letzten Wochen gab es Berichte in den Medien, dass der Neusiedlersee austrocknet und fast kein Wasser mehr hat.

Er ist mit sechsunddreißig mal zwölf Kilometern zwar sehr groß, gleichzeitig ist er bei normalem Wasserstand an der tiefsten Stelle nur einen Meter und achtzig Zentimeter tief. An den meisten Orten hat er sogar nur eine Tiefe von einem Meter. Dadurch wärmt er sich sehr schnell auf und hat eine sehr angenehme Badetemperatur. Große Menschen können also kilometerlang durch den See spazieren.

Eine weitere Besonderheit ist, dass er keinen Abfluss hat, also keinen Fluss, der das Wasser vom See in Richtung Meer bringt. Man würde denken, dass er dann irgendwann überläuft und die Gegend überschwemmt, aber das passiert seltener als das Gegenteil. Durch die große Oberfläche und die starke Erwärmung verdunstet viel Wasser. Er hat auch keine großen Zuflüsse. Der Neusiedlersee bekommt sein Wasser einerseits durch den Regen in den See direkt und durch kleinere Wasserläufe, die das Wasser aus den umgebenden Hügeln zusammenfließen lassen. Andererseits hat er eine Verbindung zum Grundwasser. Die Höhe des Grundwassers hängt allerdings auch von den Niederschlägen ab. Da das Wetter in dieser Gegend durchschnittlich sehr trocken ist und es sehr selten und wenig regnet, besteht immer die Gefahr, dass der See austrocknet.

Das ist in den letzten Jahrhunderten immer wieder passiert. Zuletzt war der Neusiedlersee Ende des neunzehnten Jahrhunderts fünf Jahre lang fast komplett trocken. In unserer Zeit gab es Zweitausendsieben zuletzt eine Periode mit sehr niedrigem Wasserstand und trockenen Bereichen. Heuer hat diese Periode bisher nur sehr kurz gedauert. Als wir gestern im Strandbad von Weiden waren, hat der See so ausgesehen wie ich ihn kenne.

Das Wasser hat eine grünbraune helle Farbe. Es ist fast immer windig in der Gegend. Dadurch wird die Wasseroberfläche ständig bewegt. Du kannst dir sicher vorstellen, dass der Boden dadurch aufgewühlt wird und das Wasser schlammfärbig aussieht.

Trotzdem ist die Wasserqualität gut und der See ist ein sehr beliebter Ort, um zu baden und Sport zu betreiben. Der See ist also flach, man kann fast überall stehen, das Wasser ist warm, gleichzeitig ist die Wasseroberfläche sehr groß und es weht eigentlich immer ein mittlerer bis starker Wind. Es gibt also kaum einen besseren Ort zum Windsurfen und für den neueren Trend Kitesurfen!

So überrascht es nicht, dass österreichische Surfer oft über den ganzen Sommer ein fixes Quartier am Neusiedlersee haben. Es ist spannend zu beobachten, wie Bewegung an den Stränden entsteht, wenn der Wind nach einer ruhigeren Zeit plötzlich mehr wird. Die Surfer holen ihre Ausrüstung hervor, die Drachen zum Kitesurfen werden aufgeblasen und innerhalb kurzer Zeit wimmelt es am See vor lauter bunten Segeln, die sich kreuz und quer bewegen. Es ist immer wieder toll, dabei zuzusehen. Obwohl ich als Kind Windsurfen gelernt habe, ist es mir in der Zuschauerrolle mittlerweile lieber.

Es gibt jedes Jahr große Veranstaltungen rund um das Surfen am Neusiedlersee. Vor allem der Ort Podersdorf ist ein häufiger Austragungsort. Die bekannteste Veranstaltung ist der Surf Worldcup, der schon im Frühling stattfindet. Das ist immer ein cooles Event mit bis zu fünfzigtausend Besuchern.

Übrigens liegt der Neusiedlersee nicht nur in Österreich. Ein Drittel der Wasserfläche befindet sich auf ungarischem Gebiet. Wenn du also mit dem Fahrrad rund um den See fahren willst, vergiss deinen Reisepass nicht! Wenn dir das Surfen zu wild ist, dann kannst du es mit einer Tour rund um den See versuchen. Einhundertvierundzwanzig Kilometer sind es einmal rundherum. Die Etappen kannst du auf mehrere Tage aufteilen. Es gibt auf der Strecke viele Übernachtungsmöglichkeiten und zahlreiche Gelegenheiten zum Essen und Trinken.

Die österreichische Redensart

Wenn man in Österreich ausdrücken will, dass etwas zeitlich möglich und machbar ist, sagt man einfach: „Das geht sich aus.“ Wenn du also deine Tour um den See planst, dir die täglichen Kilometer überlegst und schaust, wo ihr dann übernachten werdet und das dann mit deinen Freunden besprichst, dann sagst du einfach: „Ich habe alles gut geplant. Alles wird sich gut ausgehen.“ Wenn dein Freund dann nochmal fragt, ob ihr auch wirklich rechtzeitig im Quartier sein werdet, kannst du sagen: „Wir haben fünf Stunden Zeit für zwanzig Kilometer Strecke. Das geht sich locker aus!“

Eigentlich wollte ich dir auch noch etwas über die faszinierende Tierwelt am Neusiedlersee erzählen, aber das geht sich jetzt schon fast nicht mehr aus. Zwei Tiere, von denen du wahrscheinlich noch nie gehört hast, will ich dir aber noch präsentieren.

Das eine ist die Europäische Höhlenschnecke. Sie lebt wie ihr Name vermuten lässt eigentlich in verschiedenen Europäischen Höhlen. Dort lebt sie in vollkommender Dunkelheit. Deswegen ist ihre Farbe blass und ihre Augen sind kaum vorhanden. Wie du vielleicht schon vermutest, lebt genau diese Schnecke auch im Neusiedlersee. Dort befindet sie sich im Boden, im lehmigen Sand und verlässt diesen nie. Sie verbringt also ihr ganzes Leben in einem der interessantesten Seen mit der meisten Sonne des Landes und sieht das alles nie.

Ein anderes besonderes Tier ist der Zingel. Das ist ein kleiner Fisch, den es nur im Neusiedlersee gibt. Er hat alle Trockenperioden der letzten Jahrhunderte in kleinen Lacken überlebt und sich immer wieder neu ausgebreitet. Er ist also ein Überlebenskünstler und ein echter und originaler Einheimischer.

Ein solcher werde ich wohl nicht mehr werden am Neusiedlersee. Obwohl ich immer wieder gerne hinfahre. Auch gestern hatten wir einen tollen Tag. Wir haben uns dort am Kiosk einen Volleyball gekauft und im Strandbad am Beachvolleyballplatz gespielt. Dann haben wir ein Tretboot gemietet. Es war ganz schön anstrengend, gegen den Wind zu treten, aber es hat Spaß gemacht und zurück konnten wir uns ein bisschen vom Wind treiben lassen. Schließlich waren wir noch hungrig. Im tollen Lokal „Das Fritz“ haben wir ein köstliches Essen bekommen. Aber vor allem haben wir uns gefreut, dass das Wasser wieder mehr geworden ist und wir sogar schwimmen konnten.

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