
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern wollte ich einen Tisch in einem Lokal reservieren. Wir waren dort schon öfter und es gefällt uns sehr gut. Das Lokal ist in Niederösterreich wundschön auf einem Hügel mit Aussicht in die Weinberge, fast wie in der Toskana. Ich habe die Homepage geöffnet, um eine Online Reservierung zu machen, doch dann kam die traurige Überraschung. Gleich auf der Startseite war in großen Buchstaben zu lesen: „Aufgrund von Personalmangel vorübergehend geschlossen.“ Wie schade, so ein schöner Ort, der jetzt nicht genutzt werden kann.
Laut einem aktuellen Zeitungsbericht haben derzeit zwei von drei Unternehmen Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden. Die Möglichkeiten, in Österreich Arbeit zu finden, sind also derzeit besonders hoch. Natürlich benötigt man eine entsprechende Ausbildung. Damit diese gesichert ist, gibt es in Österreich bis zum Alter von achtzehn Jahren eine Ausbildungspflicht. Man darf also nach Ende der Pflichtschule nicht irgendeinen Job annehmen oder einfach zu Hause bleiben. Es gibt natürlich jede Menge Schulen in denen man seine Ausbildung fortsetzen kann.
Wenn man aber schon arbeiten gehen möchte, dann gibt es die Möglichkeit, eine Lehre zu machen. Es gibt zirka zweihundert verschiedene Lehrberufe zwischen denen man wählen kann. Man entscheidet sich für einen bestimmten Betrieb, der Lehrlinge ausbildet und bewirbt sich dort. Die praktische Ausbildung findet dann in der Firma statt, in der man angestellt ist. Begleitend geht man parallel dazu immer wieder in die Berufsschule und lernt dort den theoretischen Teil der Ausbildung. Dazu gehören auch allgemeine Unterrichtsfächer, die für die Arbeit relevant sind. Eine Lehre dauert zwischen drei und vier Jahren. Dann macht man die Lehrabschlussprüfung und ist eine gefragte und qualifizierte Fachkraft in seinem Gebiet.
Speziell bei dieser Art der Ausbildung junger Menschen wird Wert auf den Jugendschutz gelegt. Jugendliche Angestellte werden durch Gesetze besonders geschützt. Sie dürfen beispielsweise kaum Überstunden machen und an Wochenenden und in der Nacht sind ihre Arbeitszeiten stark begrenzt.
Alle Gesetze und Bestimmungen rund um das Arbeiten sind in Österreich sehr streng geregelt. Das kommt unter anderem daher, dass die Arbeitsbedingungen jeweils von Vertretern der Arbeitnehmer, also der Angestellten oder Arbeiter und von Vertretern der Arbeitgeber, besprochen werden. Die Vertretung der Arbeitnehmer heißt „Gewerkschaft“. Diese schaut darauf, dass es gerechte Löhne gibt, dass die Arbeitszeiten eingehalten werden und dass die Menschen bei ihrer Arbeit gut vor Gefahren und Belastungen geschützt sind. Jedes Jahr gibt es zum Beispiel wegen der Löhne harte Verhandlungen, die sich über mehrere Tage bis Wochen ziehen können. Am Ende müssen sich beide Seiten auf die jährliche Lohnerhöhung einigen.
Der österreichische Sozialschutz
Wenn man in Österreich arbeitet, hat man einen sehr guten Sozialschutz. Dieser besteht aus einer Krankenversicherung, einer Unfallversicherung, einer Arbeitslosenversicherung und einer Pensionsversicherung. Alle diese Versicherungen werden automatisch mit dem Antreten einer Arbeitsstelle abgeschlossen und müssen jedes Monat bezahlt werden. Das Geld dafür wird automatisch vom Gehalt abgezogen. Das hat natürlich den Nachteil, dass man weniger Geld bekommt, als der Arbeitgeber für jeden Angestellten bezahlt. Die Vorteile überwiegen aber bei weitem. Jeder, der in Österreich erkrankt oder einen Unfall hat, wird bestens versorgt, normalerweise ohne dass er etwas dafür bezahlen muss.
Wenn man dann älter wird und in den verdienten Ruhestand tritt, muss man sich keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen und man ist nicht von seinen Kindern oder anderen Menschen abhängig. Jeder, der gearbeitet hat, bekommt dann monatlich seine Pension ausbezahlt.
Und wenn man seine Arbeit einmal verliert und nicht gleich eine neue findet, kann man in der Zwischenzeit von dem Geld der Arbeitslosenversicherung leben. Als Österreicherin kann man sich ein Leben ohne diese Sozialleistungen gar nicht vorstellen. Wir sind es so gewohnt und die meisten Leute finden es auch gut so. Es gibt aber auch Menschen, die dieses System kritisieren. Sie werfen manchen arbeitslosen Menschen vor, dass sie gar nicht so schnell eine neue Arbeit finden wollen, weil sie von dem Arbeitslosengeld gut leben können.
Der aktuelle Arbeitskräftemangel führt dazu, dass internationale Fachkräfte sehr gefragt sind. Als Einwohner eines EU Landes kann man jederzeit eine Arbeit in Österreich annehmen und hier wohnen. Das ist einer der großen Vorteile der EU.
Für Bewohner von Ländern außerhalb der EU gibt es verschiedenen Möglichkeiten, hier zu arbeiten. Eine davon ist die Rot-Weiß-Rot-Karte. Diese gibt es für unbegrenzte Zeit oder für einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten. Dafür muss man einige Bedingungen erfüllen. Man muss bereits eine feste Arbeitsstelle gefunden haben und man muss eine sogenannte „Fachkraft in einem Mangelberuf“ sein. Das heißt, man muss die entsprechende Ausbildung nachweisen und für diesen Beruf muss es zu wenig Bewerber aus der EU geben. Dafür gibt es jeweils eine aktuelle Liste, die recht lang ist und die auch je nach Bundesland unterschiedlich sein kann.
Eine andere Möglichkeit ist die EU Blue Card. Um diese zu bekommen, muss man hochqualifiziert sein oder eine mehrjährige Berufserfahrung vorweisen können. Zusätzlich muss man ein recht hohes Gehalt von einem Arbeitgeber bekommen. Beides trifft vor allem auf Menschen mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium zu.
Schließlich gibt es noch Saisonarbeiter, die im Tourismus, in der Landwirtschaft oder im Bauwesen tätig sind. Dafür muss man keine spezielle Ausbildung haben, man hat aber auch nicht so viele Rechte. Es darf zum Beispiel die Familie nicht nachkommen und man darf nicht dauerhaft bleiben.
Ich hoffe, dass mein schönes Lokal in den Weinbergen bald Personal findet und wieder öffnen kann. Dann werde ich den Abend mit meinem lieben Mann Jan gleich dort nachholen. Bis dahin finden wir sicher ein anderes Lokal.
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