
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern bin ich am Weg durch Wien beim Ute Bock Haus vorbeigefahren. Ich hatte bisher nur davon gehört, es aber noch nie gesehen. Eine junge Familie war gerade am Weg ins Haus und ich habe mir gedacht: „Wie schön, dass sie hier eine vorübergehende Unterkunft gefunden haben.“

Ute Bock hat dieses Haus nach der Jahrtausendwende für geflüchtete Menschen in besonders schwierigen Lebenslagen geöffnet. Sie hat sich unermüdlich und kompromisslos für die Rechte von geflüchteten Menschen in Österreich eingesetzt. Sie wurde Neunzehnzweiundvierzig in Linz geboren und hat einen Großteil ihres Lebens in Wien verbracht. Nach der Matura hat sie sich auf Wunsch ihres Vaters bei der Gemeinde Wien beworben. Ute Bock hatte keine spezielle Berufsausbildung, also wurde ihr ein Job als Erzieherin in einem Kinderheim angeboten. Anscheinend hatte sie ein Talent für diese Aufgabe, denn nach einigen Jahren hat sie die Leitung eines Heimes für besonders schwierige Kinder und Jugendliche übernommen. Mit Beginn der Neunzehnneunzigerjahre hat das Jugendamt immer mehr zu Betreuende aus dem Ausland zu ihr geschickt. Am Anfang waren es hauptsächlich Flüchtlinge aus dem damaligen Jugoslawienkrieg und bald auch welche aus afrikanischen Ländern.
Häufig kamen Jugendliche mit besonders schwierigen Lebensumständen zu ihr, die keine staatliche Unterstützung bekommen haben und die ein laufendes Asylverfahren hatten. Diese hat Ute Bock besonders unterstützt. Sie hat nicht nur ihre Arbeit erledigt, sondern sich darüber hinaus darum gekümmert, dass diese Menschen Deutschkurse, kleine Jobs oder einen Schlafplatz außerhalb ihres Heimes bekommen haben, wenn dieses schon überfüllt war. Einzelne Jugendliche, die nicht im Heim bleiben konnten, hat sie sogar bei sich zu Hause wohnen lassen und sie unterstützt wo sie nur konnte oder gesund gepflegt, wenn es nötig war.
Ein solcher war Arif aus Afghanistan. Er kam 2007 als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling nach Österreich und wurde von Ute Bock zu Hause aufgenommen. Sie half ihm dabei, Deutsch zu lernen und sich in Österreich zurechtzufinden. Arif besuchte die Schule und machte schließlich eine Lehre als KFZ-Mechaniker. Bald sprach er fließend Deutsch und war gut in Österreich integriert. Allerdings ist er auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten und wurde mehrmals wegen Drogendelikten verurteilt. Ute Bock hat ihn auch nach seiner Verurteilung weiter unterstützt und ihm geholfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Sie war aber auch kritisch gegenüber seinen Taten und hat betont wie wichtig es ist, dass Flüchtlinge sich an die Gesetze halten und sich in die Gesellschaft integrieren.
An der Geschichte von Arif kann man sehen, dass Integration ein komplexer Prozess ist und dass es nicht immer einfach ist, sich in einer neuen Gesellschaft zurechtzufinden. Es zeigt aber umso mehr wie wichtig es ist, dass es Menschen wie Ute Bock gibt, die sich für Migranten und ihre Integration einsetzen und ihnen dabei helfen, eine neue Heimat zu finden.
Sie selbst hat zu ihrem speziellen Engagement einmal ganz simpel gesagt:
„Schauen Sie, wenn wer kommt und er braucht es und ich habe es, dann kriegt er es auch. Ich denke gar nicht viel nach.“
Der Wiener Dialekt
Also ganz so hat sie das eigentlich nicht gesagt, sonder sie hat ein bisschen im Wiener Dialekt gesprochen. Im Original hat sich das dann etwas so angehört:
„Schaun‘s, wann wer kommt und er braucht‘s und I hob‘s, dann kriegt er‘s auch. I tu gar ned viel nachdenk‘n.“
Der Wiener Dialekt ist ziemlich schlampig. Oft werden Selbstlaute weggelassen. In diesem Beispiel verschmilzt das „schauen Sie“ zu einem „schaun‘s. Beim „es“ wird jeweils das „e“ ausgelassen und das „s“ gleich an das vorige Wort gehängt. So entsteht das „braucht‘s aus „braucht es“, „hob“s aus „habe es“ und „er‘s“ aus „er es“.
Im Jahr zweitausend ist Ute Bock in Pension gegangen. Sie hat sich aber keineswegs zur Ruhe gesetzt, sondern hatte nun die Zeit, sich ganz der Unterstützung von Migranten zu widmen. Sie hat den Verein „Wohn- und Integrationsprojekt“ gegründet und wurde von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Gemeinsam haben sie private Wohngemeinschaften und Familienwohnungen für dreihundert Menschen organisiert, betreut und finanziert. Das Geld kam von Spenden und aus ihrer eigenen Tasche.
Nach einigen Jahren ist das Geld ausgegangen und der Verein ist vor dem Aus gestanden. Damals hat ein österreichischer Investor nämlich Hans Peter Haselsteiner die Rettung übernommen. Er hat das Haus des ehemaligen Kinderheimes, in dem Ute Bock gearbeitet hat, kurzerhand gekauft. Auch die Renovierung hat er finanziert. Nach einiger Zeit konnten im sogenannten „Ute Bock Haus“ siebzig Menschen wohnen. Auch sie selbst ist dort in eine kleine Wohnung gezogen wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr zweitausendachtzehn gelebt hat. Das Haus hat noch heute seine Funktion und seinen Namen behalten.
Ute Bocks Werk wurde bisher in zwei Filmen gewürdigt. Vor allem im zweiten Film mit dem Namen „Die verrückte Welt der Ute Bock“ haben viele bekannte österreichische Schauspieler gespielt. Viele Flüchtlinge haben sich darin selbst gespielt und auch die Hauptfigur Ute hat selbst mitgemacht.
Zu ihrer Motivation hat Ute Bock gesagt: „Das, was ich mache, hat nicht nur mit Solidarität zu tun, sondern auch mit Menschlichkeit.“ und „Ich mache das einfach, weil es notwendig ist. Wenn ich aufhöre, wer macht es dann?“
Ich finde es großartig, dass sich nach dem Tod von Ute Bock Menschen gefunden haben, die weiter gemacht haben mit ihrem Lebenswerk. Ich bin auch zuversichtlich, dass es wieder so große und einzigartige Persönlichkeiten gibt, die die Menschlichkeit über alles andere stellen.
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