8 – Der Wind oder Bewegende Energie

Windräder im Marchfeld

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.

Gestern in der Nacht bin ich plötzlich von einem lauten Geräusch aufgewacht. Ich bin ruhig liegengeblieben und habe in die Dunkelheit gehört. Da war es wieder, ein Heulen und dazwischen ein Pfeifen. Die Lautstärke hat gewechselt. Mittlerweile habe ich die vertrauten Geräusche schon erkannt. Draußen wehte ein heftiger Sturm. Beruhigt, dass ich im warmen Bett liege und weiterschlafen kann, habe ich meine Augen geschlossen und einen aufregenden Traum von sich im Wind biegenden Bäumen geträumt. Ich musste den Ästen ausweichen und mich gegen den Sturm stemmen.

So ein Sturm ist in der Gegend in der ich wohne nicht selten. Windstill ist es bei uns im flachen Marchfeld eigentlich nie. Um genau zu sein, gibt es durchschnittlich nur drei bis vier windstille Tage in einem ganzen Jahr. Der Wind kommt meistens aus dem Westen und wird von den Hügeln des Wienerwaldes in Richtung Norden gelenkt. Dort liegt das flache Marchfeld mit seinen großen Feldern auf denen Getreide und Gemüse wachsen. Darüber kann der Wind ungebremst wehen.

Das kann natürlich nerven, wenn man zum Beispiel eine Fahrradtour machen möchte und gefühlt die ganze Strecke Gegenwind hat. Da es eine naturgegebene Tatsache ist, die man nicht beeinflussen kann, ist es günstiger, es zu akzeptieren und die Vorteile daran zu finden und zu nutzen.

Die Fahrradtour wird so zum Beispiel gleich zu einem tollen Training, auch ganz ohne Berge.

Kinder können fast immer ihre bunten Drachen zum Himmel steigen lassen.

Die österreichische Redensart:

Der Ausdruck „Gegenwind bekommen“ kann auch in einer übertragenen Bedeutung verwendet werden. Man meint damit, dass man Widerstand, Ablehnung oder Kritik in einer bestimmten Sache erhält. Zum Beispiel kann man sagen: „Das Bauprojekt der Stadt bekam heftigen Gegenwind aus der Bevölkerung.“

Ein großer Vorteil einer windigen Gegend für unsere moderne Welt ist die Energiegewinnung aus dem Wind. Das ist gut für die Umwelt, weil dabei keine schädlichen Abgase erzeugt werden und keine Rohstoffe verbraucht werden. Deswegen werden immer mehr Windräder aufgestellt. Ein Windrad ist eigentlich ein Kraftwerk. Man kann auch sagen, es ist eine riesige Windmühle, die Strom produziert. Es wandelt die Bewegungsenergie des Windes in elektrische Energie um. Auf einem hohen Turm sind Rotorblätter befestigt. Diese sind so ähnlich geformt wie die Flügel eines Flugzeuges.

Der Wind bewegt die Rotorblätter der Windkraftanlage und dadurch beginnt sich ein Generator zu drehen. Der Generator ist wie ein Fahrraddynamo, der Strom erzeugt, wenn man in die Pedale tritt. Vom Windkraftwerk fließt der erzeugte Strom dann in das Stromnetz. Je stärker der Wind weht, desto schneller drehen sich die Rotorblätter und desto mehr Strom kann erzeugt werden.

Moderne Windräder sind riesig und richten ihre Rotorblätter je nach Windrichtung optimiert aus. Sie können bis zu zweihundert Meter oder noch höher sein. Ein einzelnes Rotorblatt ist achtzig bis hundertfünfzig Meter lang. Das ist mindestens so lang wie ein ganzes Fußballfeld. Der Bau von so einem Werk muss genau geplant werden. Für den Transport der Einzelteile müssen manchmal Straßen gesperrt werden. Vor Ort sind natürlich riesige Kräne nötig. Das alles zahlt sich aber aus, um den für unsere Gesellschaft lebensnotwendigen Strom zu produzieren.

Mit jeder einzelnen vollen Umdrehung eines Windrades könnte ein Elektroauto einhundertfünfzig Kilometer weit fahren. Insgesamt kann so eine Anlage zwei- bis dreitausend Haushalte mit Strom versorgen. Nur Werke, die am offenen Meer aufgestellt sind, sind noch deutlich produktiver. Sie liefern drei Mal mehr Energie. Doch ein Meer haben wir in Österreich leider nicht. Dafür schon eintausenddreihundervierundsiebzig Windkraftanlagen und es werden laufend mehr. Derzeit werden zirka zwanzig Prozent des Strombedarfes in Österreich mittels Windkraft produziert, bis ins Jahr zwanzigdreißig sollen es dreißig Prozent sein.

Übrigens drehen sich weltweit alle Windräder in die gleiche Richtung und zwar nach rechts, also im Uhrzeigersinn. Das hat keine Vorteile gegenüber dem Drehen in die andere Richtung. Es gibt auch keine Gesetze und keine Vorschrift, die diese Richtung bestimmt. Trotzdem gibt es Gründe, warum das so ist.

Erstens ist es praktisch für die Produktion, wenn nur Teile für eine Richtung produziert werden müssen. Zweitens würde es irritierend sein, wenn sich in einem Windpark manche Räder in eine und andere in die andere Richtung drehen würden.

Angeblich gab es Neunzehnhundertsiebzig in Dänemark zwei Brüder, Johannes und Erik, die beide in der Windindustrie tätig waren. Sie haben allerdings nicht zusammengearbeitet, sondern waren Konkurrenten. Die Windräder von Johannes haben sich nach links gedreht. Deswegen hat Erik eines Abends mit seiner Frau besprochen, dass sie rechtsdrehende Räder produzieren werden. Eriks Firma wurde erfolgreicher, somit hat sich diese Richtung durchgesetzt. Manchmal geht es einfach um eine Reihe von Zufällen.

Am Morgen beim Aufwachen hatte sich der Sturm wieder gelegt. Ich habe meinen Tag gleich mit einer kleinen Laufrunde begonnen und mir den leichten, unerschöpflichen Wind ins Gesicht wehen lassen. Danach war ich so richtig munter für meinen Tag.

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