

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern war in der Post eine Zeitschrift des Alpenvereins. Ich wollte sie nur kurz durchblättern und bin dabei auf einen Bericht über den Großglockner gestoßen. Obwohl es der höchste Berg Österreichs ist, war ich noch nie dort. In dem Bericht ging es vor allem um die ersten Besteigungen des dreitausensiebenhundertachtundneunzig Meter hohen Berges.
Schon im achtzehnten Jahrhundert gab es die ersten Überlegungen, den Berggipfel zu besteigen. Das war natürlich ein riesiges Projekt. Du musst dir vorstellen, dass es damals keine mit heute vergleichbare Ausrüstung gab und keinerlei Informationen, was einen dort oben erwartet.
Im Jahr siebzehnhundertachtundneunzig haben die konkreten Vorbereitungen für eine Erstbesteigung durch den Fürstbischof Franz Xaver Salm und andere Männer der katholischen Kirche mit hohem Rang begonnen. Die Planung dafür war wirklich beeindruckend. Es wurden zwei ortskundige Bauern aus der Gegend und zwei Zimmerleute beauftragt, zuerst einen geeigneten Weg zu finden. Die vier Männer wurden in den Berichten jeweils nur „Die Glokner“ genannt. Ihre Namen sind bis heute nicht ganz klar, obwohl sie die ganze Arbeit geleistet haben und schon vor dem Expeditionsteam alle zu entdeckenden Stellen betreten haben. Nachdem die Strecke festgelegt war, haben sie mit weiteren Einheimischen Wege auf den Berg erschaffen, Seile gespannt und schließlich sogar eine Hütte gebaut. Das war die Salmhütte, die es ein bisschen höher heute noch gibt.
Die österreichische Besonderheit: Berghütten
Auf Österreichs Bergen gibt es eine große Anzahl an Berghütten, die meistens von verschiedenen Bergsportvereinen, so wie dem Alpenverein, betrieben werden. Es sind sehr einfache Unterkünfte, die als Ausgangspunkt für Wanderungen dienen. Sie bieten bescheidene Übernachtungsmöglichkeiten und Schutz vor Unwetter. Meistens bekommt man auch Speisen und Getränke.
Die Vorbereitungen haben ein ganzes Jahr gedauert. Danach haben es die Herren immerhin bis auf die niedrigere Spitze des Kleinglockners geschafft. Erst im nächsten Jahr, also genau im Jahr achtzehnhundert, ist das Ziel, also der Gipfel des Großglockners erreicht worden. Dazu wurde aber noch eine zweite, höher gelegene Hütte gebaut und das Team von dreißig auf sechzig Leute vergrößert.
Wann genau die erste Frau die Spitze des Berges erreicht hat ist nicht sicher. Vermutlich waren schon im Jahr achtzehnhundertachtundsechzig zwei einheimische Frauen dort oben und zwar Elisabeth Hanser und Sidonia Theres Schmidl. Diese Besteigungen haben allerdings abseits der Öffentlichkeit stattgefunden. Erst einhundertfünfzig Jahre später, während Recherchen für eine Ausstellung, sind Gipfelbücher gefunden worden mit den Eintragungen ihrer Namen. Die ersten dokumentierten Aufstiege von Frauen mit öffentlichem Interesse haben dann ein Jahr später stattgefunden.
Heutzutage gibt es mehr als dreißig mögliche Routen auf den Großglockner und diese werden jährlich von fünftausend Bergsteigern begangen. Ich hätte gedacht, dass bei so viel Verkehr am Berg auch viel passiert. Pro Jahr muss die Bergrettung allerdings nur knapp zwanzig Mal ausrücken und zehn Mal der Hubschrauber einen Rettungseinsatz fliegen. In zehn Minuten ist bei gutem Wetter der Hubschrauber schon am Einsatzort und die Bergsteiger sind alle mit gutem und modernen Material ausgestattet. So eine schwierige Tour macht auch wirklich niemand ohne gute Vorbereitung und Planung oder bei schlechter Wettervorhersage. Das alles sind Gründe, dass am höchsten Berg Österreichs in einem ganzen Jahr weniger Unfälle passieren als in so manchem Schigebiet an einem einzigen Tag.
Natürlich gibt es auch immer wieder Menschen, die am Großglockner Weltrekorde aufstellen. Erst letztes Jahr im Sommer hat zum Beispiel Andreas Ropin, genannt „Rambo“ den Gipfel von einer Hütte aus sechs Mal hintereinander bestiegen! Dabei hat er mehr als elftausend Höhenmeter überwunden und er war sechsunddreißig Stunden unterwegs. Danach ist er nicht so wie man denken könnte müde ins Bett gefallen und hat sich ausgeschlafen. Nein, er hat bis fünf Uhr in der Früh mit seinem Team den Erfolg gefeiert.
So eine Bergtour ist natürlich nicht für jeden das Richtige. Einfacher und schneller erreicht man eine Höhe von immerhin zweitausendsechshundert Metern über die Großglockner Hochalpenstraße. Sie ist eine der spektakulärsten Panoramastraßen der Alpen. Sie führt an Bergwiesen und eisbedeckten Gipfeln, Kühen und Schafherden, Wasserfällen und Almhütten vorbei, immer begleitet von einem großartigen Panorama.
Diese tolle Kulisse ist geradezu eine Einladung für traditionsreiche Veranstaltungen. So finden regelmäßig Oldtimerrallyes statt. Eine besonders bekannte ist der „Großglockner Grand Prix“. Der Name würde vermuten lassen, dass es sich dabei um ein Wettrennen handelt, das stimmt aber nicht. Sieger ist, wer mit der gleichmäßigsten Geschwindigkeit den Berg hinauf fährt.
Anders geht es bei den sportlichen Straßenveranstaltungen zu. Das größte Radsportereignis ist der jährliche „Glocknerkönig“. Dabei quälen sich dreitausend Radfahrer den Berg hinauf. Bei der Anmeldung muss man auch schnell sein. Das Rennen ist so bekannt und beliebt, dass die begrenzten Startplätze jeweils schnell weg sind. Mindestens genauso anstrengend ist der Glocknerlauf bei dem die Teilnehmer nur von ihren eigenen Füßen nach oben getragen werden.
Ich bewundere alle Menschen, die so hart für ihre Ziele kämpfen und dann so unglaubliche Leistungen vollbringen. Besondere Helden waren aber die Pioniere, die mit viel einfacheren Mitteln als wir sie heute haben den Berg bezwungen haben.
Jetzt habe ich richtig Lust bekommen, den höchsten Berg Österreichs zu besuchen. Der Gipfel wird sicher nicht mein Ziel sein, aber auf eine schöne Wanderung und einen gemütlichen Hüttenbesuch freue ich mich sehr!
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