6 – Christine Nöstlinger oder Keine Angst vor Provokation

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.

Gestern habe ich zu Hause ausgemistet. Vor ein paar Jahren habe ich das Buch „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ gelesen. Darin wird einfach und nachvollziehbar erklärt, dass sich das ganze Leben aufgeräumter anfühlt, wenn man sein Zuhause aufgeräumt hat. Damit ist auch gemeint, dass man Dinge, die man nicht mehr verwendet, entfernt. Seither räume ich ungefähr zwei Mal pro Jahr meinen gesamten Gewandkasten aus und räume nur noch die Sachen wieder ein, die ich gerne und regelmäßig anziehe. Alles andere muss weg, natürlich nicht in den Mistkübel, sondern zur Altkleidersammlung.

Gestern war das Bücherregal dran. Ich habe alle Bücher abgeräumt und mich von allen, die ich nicht mehr benötige, getrennt. Das ein oder andere Buch habe ich natürlich aufgeschlagen und mich an die Zeit erinnert, in der ich es gelesen habe. Oder wie ich es meinem Sohn Leon vorgelesen habe, als er klein war. Zum Beispiel die „Geschichten vom Franz“ von Christine Nöstlinger. Darin musste ich gestern ein bisschen länger schmökern, weil es immer wieder lesenswert ist, auch für Erwachsene. Christine schreibt so über den Franz:

Worauf sich der Franz freut

Der Franz hat viermal im Jahr Ferien…Schon am letzten Ferientag im Sommer fragt der Franz: „Wann fangen die Weihnachtsferien an?“

Und am letzten Tag der Weihnachtsferien fragt er: „Wann gehen die Zeugnisferien los?“

Und am letzten Tag der Osterferien fragt er: „Wann fangen denn endlich die Sommerferien an?“

Und am letzten Tag der Zeugnisferien fragt er: „Wann gibt’s denn Osterferien?“

Könnte sich der Franz nicht immer auf die nächsten Ferien freuen, würde ihm das Leben nur halb so viel Spaß machen. Der Franz denkt: Ferien sind so schön, weil man da nichts müssen muss. Wenn keine Ferien sind, muss der Franz allerhand! Punkt sieben Uhr muss er aufstehen. Zehn Minuten später muss er im Bad sein. Viertel vor acht muss er aus dem Haus gehen. Punkt acht Uhr muss er in der Schule hinter seinem Pult sitzen. Dann muss er vier Stunden lang den Mund halten und darf nur reden, wenn ihn der Lehrer etwas fragt. Und so mies geht das den ganzen Tag weiter!

Die österreichische Besonderheit: Vielleicht ist dir aufgefallen, dass in dem Text jeweils ein Artikel vor dem Namen verwendet wird, also „der Franz“. Das wird in der gesprochenen österreichischen Alltagssprache meistens so gemacht, obwohl es im klassischen Hochdeutsch nicht nötig ist. Christine Nöstlinger hat solche kleinen Anspielungen an den Dialekt häufig in ihre Schriften eingebaut, das macht unter anderem ihren Stil einzigartig, ich mag diese Besonderheit sehr.

Sie wurde Neunzehnhundertsechsunddreißig in Wien geboren. Obwohl sie schon als Kind mit dem Schreiben begonnen hat, hat sie erst im Alter von sechsunddreißig Jahren ihr erstes Buch veröffentlicht. Das war „Die feuerrote Friederike“ und war gleich ein großer Erfolg. In den folgenden Jahren hat sie zahlreiche weitere Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben. Sie waren oft humorvoll und ironisch und haben sich mit schwierigen Themen wie Scheidung, Tod oder Mobbing befasst.

Christine Nöstlinger wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Hans-Christian-Andersen-Preis. Das ist der wichtigste internationale Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Sie war auch als Aktivistin tätig und hat sich für die Rechte von Frauen, Kindern und Tieren eingesetzt.

Ihre starke Persönlichkeit ist schon in ihrer Kindheit bemerkbar gewesen. Ihre Eltern hatten es nicht immer leicht mit Christine. Sie war frech und hat gerne widersprochen. Gleichzeitig wurde sie für damalige Verhältnisse sehr liberal und gewaltfrei erzogen. Nur so konnte sie zu der Person und Schriftstellerin werden, die sie war. Auch später im Leben sagte sie oft was sie dachte, auch wenn es unpopulär war. In einem Interview sagte sie einmal, dass sie „keine Angst“ davor hatte, Menschen zu provozieren oder zu verärgern, weil sie glaubte, dass es wichtig war, „klare Position“ zu beziehen und für seine Überzeugungen einzustehen.

Christine Nöstlinger hat im Alter von zirka vierzig Jahren auch damit begonnen, Gedichte für Erwachsene im Wiener Dialekt zu schreiben. Auch diese Werke haben sich mit schwierigen Themen auseinandergesetzt. Durch ihren ironischen Stil haben sie trotzdem leicht gewirkt. Oft musste man darüber nachdenken, was sie eigentlich aussagen wollte. Manchmal ist Christine auch kritisiert worden für ihren Umgang mit diesen schwierigen Themen. Auch mit ihren Verlagen hatte sie öfters Probleme. Die Verlage haben sie immer wieder aufgefordert, ihre Texte zu ändern und sozusagen zu entschärfen. Wie du dir mittlerweile schon denken kannst, hat sie das natürlich nicht gemacht.

Christine Nöstlinger hat bis ins hohe Alter geschrieben und Bücher veröffentlicht. Kurz vor ihrem Tod im zweiundachtzigsten Lebensjahr hat sie allerdings aufgehört, Kinderbücher zu schreiben. Sie hat das folgendermaßen begründet: „Wie soll ich denn wissen, was Kinder bewegt, wenn sie einen halben Tag lang über dem Smartphone sitzen?“ Das finde ich, war wieder eine sehr klare Position und konsequent.

Gestern habe ich das Buch vom Franz sorgfältig abgestaubt und wieder zurück ins Bücherregal gestellt. So ein Werk ist definitiv kein Gerümpel und es würde mir fehlen, auch wenn ich nur alle paar Jahre darin blättere.

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