5 – Der Wolf oder Heimgekehrt

Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.

Gestern war ich mit meiner Familie im Tierpark Ernstbrunn im nördlichen Niederösterreich. Dorthin mache ich immer wieder gerne einen Ausflug. Als Schülerin war ich schon dort mit meiner Klasse. Als mein Sohn Leon klein war, haben wir öfters gemeinsam die Tiere gefüttert. Man kann beim Eingang ein Säckchen Mais kaufen und viele zahme Tiere aus der eigenen Hand fressen lassen. Das klappt natürlich bei den scheuen Wildtieren nicht. Und bei einem Gehege muss man definitiv darauf verzichten. Seit einigen Jahren gibt es dort nämlich auch ein Wolfsrudel. Das war bei unserem gestrigen Ausflug unser Highlight. Ich beobachte besonders gerne wie elegant und auch ein bisschen witzig hüpfend sich diese Tiere fortbewegen. Wobei ich es wahrscheinlich nur witzig finde, weil es mich an eine Lieblingsserie aus meiner Kindheit erinnert. In der Zeichentrickserie „Wickey und die starken Männer“ wurden die Wölfe immer als zerzauste und dümmliche Wesen dargestellt, die am Ende die Verlierer waren.

Das war leider in der realen Welt genauso. Wölfe wurden in Geschichten und Märchen als böse gezeichnet. Sie hatten einen schlechten Ruf in der Bevölkerung und wurden im neunzehnten Jahrhundert in Mitteleuropa immer mehr zurückgedrängt und gejagt. Kurz vor Neunzehnhundert wurde der letzte Wolf im Waldviertel erschossen und war damit in Österreich komplett ausgerottet. Seit damals gab es nur gelegentlich einzelne Tiere auf der Durchreise.

Als hätte die Natur nur die Pausentaste gedrückt, geht die Geschichte des Wolfs in Österreich genau dort weiter wo sie vor vielen Jahren aufgehört hatte, nämlich im Waldviertel. Dort, genauer gesagt in Allentsteig gibt es ein großes militärisches Übungsgebiet. Das hat sich ein Wolfsrudel seit Zwanzigsechzehn als seine Heimat ausgesucht und schon mehrmals Nachwuchs bekommen.

Eine Wolfsfamilie bezeichnet man als Rudel. Ein Rudel besteht aus den Eltern, den Jungen aus diesem Jahr und eine Zeit lang noch aus den Jungen des letzten Jahres. Eine Wölfin bekommt üblicherweise jedes Jahr drei bis acht Welpen. So eine Familie kann also ganz schön groß sein. Nach ein bis zwei Jahren verlassen die Kinder die Großfamilie und gründen ein eigenes Rudel. Dafür legen sie eine Strecke von zirka tausendfünfhundert Kilometern zurück, um eine Partnerin und ein eigenes Revier zu finden. Sehr wählerisch bei der Partnerinnenwahl darf so ein Wolf wohl nicht sein, die Auswahl ist schließlich nicht groß bei so riesigen Abständen zwischen den einzelnen Rudeln.

Diese von der Natur entwickelte Vorgehensweise ist sehr clever. Wölfe im Rudel sind großartige Jäger. Sie haben einen sogenannten „Hetz-Instinkt“ und töten bei der Jagd oft mehr Tiere als sie fressen können. Würden die Rudel zu groß werden, würden sie sich ihre eigene Nahrungsquelle zerstören, indem sie ihre Beutetiere ausrotten. Dadurch würde sich auch der Wolf selbst ausrotten.

Das österreichische Wort: hetzen

Das Wort „hetzen“ kommt ursprünglich aus der Jägersprache und bedeutet, Wildtiere aus ihrem Versteck treiben. Davon leiten sich mehrere Bedeutungen ab, die im österreichischen Alltag verwendet werden.

Eine ist „sich hetzen“, was bedeutet, sich besonders beeilen. Man kann sich selbst „hetzen“ oder auch eine andere Person. Diese treibt man dann an, etwas schneller zu tun.

Wenn man jemanden „aufhetzt“, beeinflusst man ihn durch Worte so, dass er auf eine dritte Person oder Gruppe wütend wird.

Schließlich wird das Wort noch in einer anscheinend ganz anderen Bedeutung verwendet. Die „Hetz“ ist umgangssprachlich ein besonders lustiges Ereignis. Diese Bedeutung lässt sich auch mit der Jagd erklären. Früher wurden „Hetzjagden“ von Tieren mit Zuschauern zur Unterhaltung der Bevölkerung veranstaltet. Das wurde dann als eine „Hetz“ bezeichnet und wird heute ganz allgemein verwendet. Puh, mir war vor meinen Recherchen gar nicht klar, was man mit diesem einen Wort alles aussagen kann!

Aber zurück zum Wolf. Insgesamt gibt es zirka fünfundvierzig davon in Österreich, die meisten aber einzeln lebend. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass du auf ein solches Tier triffst. Wenn, dann sieht er dich, du ihn aber nicht. Er verhält sich dann ganz ruhig, auch wenn er nah bei dir ist und wartet, bis du vorbeigegangen bist.

Wie sollst du dich aber verhalten, falls du doch einmal einem Wolf begegnest? Auf jeden Fall solltest du Ruhe bewahren und dem Wolf die Möglichkeit geben, zu flüchten. Das wird er ziemlich sicher tun. Wenn doch nicht, dann mach dich groß, mach eventuell laute Geräusche und geh langsam von dem Tier weg. Wenn du wegläufst und dich dabei noch klein machst oder versuchst zu verstecken, könntest du den Jagdinstinkt in dem Tier auslösen und das willst du auf keinen Fall. Ein gesunder Wolf greift aber üblicherweise keine Menschen an. Problematisch sind an Tollwut erkrankte Tiere. Diese Erkrankung ist in Österreich allerdings seit mehr als zehn Jahren nicht mehr vorgekommen.

Weltweit gab es übrigens in den letzten zwanzig Jahren zirka fünfhundert Angriffe von meist erkrankten Wölfen auf Menschen. Die meisten davon in Indien, im Iran, in der Türkei und in der Ukraine.

Im Tierpark in Ernstbrunn leben die Wölfe nicht nur zur Unterhaltung der Besucher. Dort gibt es das Wolfforschungszentrum. Wissenschaftler untersuchen Wölfe und Hunde und ihr Verhalten gegenüber Menschen im Vergleich. Das Forschungszentrum leistet einen wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben von Wolf und Mensch. Heute möchte ich mit einem Zitat von einem Mitarbeiter des World Wildlife Fund enden, der sagt: „Der Wolf ist heimgekehrt. Platz in unserer Natur findet er genügend, doch um langfristig zu überleben, braucht er auch Platz in unseren Köpfen.“

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