
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern waren mein Mann Jan und ich in der Innenstadt von Wien zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Es war der vierzigste Geburtstag von unserem Freund Martin und es sollte eine Überraschung sein. Seine Frau hatte ein kleines Lokal in der Nähe vom Stephansplatz reserviert und alles geheim organisiert. Alle Gäste waren eine Viertelstunde vor dem Geburtstagskind da und als dieses kam, war die Überraschung groß! Martin hatte tatsächlich keine Ahnung von der Party. Er hat sich total gefreut und den ganzen Abend gestrahlt.
Jan und ich sind mit der U-Bahn zu dem Fest gefahren. In der Innenstadt ist es nicht einfach, einen Parkplatz zu finden und das U-Bahnnetz in Wien ist gut ausgebaut. Wir sind bei der U1 Station Stephansplatz ausgestiegen und hatten noch ein bisschen Zeit, um durch die Stadt zu bummeln.
Der Stephansplatz befindet sich ziemlich genau in der Mitte von Wien. Er ist der wahrscheinlich am meisten besuchte Platz von ganz Österreich. Die U-Bahnstation wird jeden Tag von zweihundertzwanzigtausend Menschen benutzt. Direkt am Stephansplatz sieht man in einer Reihe stehende Pferdewagen, die auf Gäste für Stadtrundfahrten warten.
Das österreichische Wort: Fiaker
Diese Pferdewagen werden Fiaker genannt. Man bezeichnet mit dem Wort den Wagen mit den Pferden, als auch den Fahrer. Der Ursprung des Wortes ist französisch. In Paris wurden ausgehend vom Hotel des Heiligen „Fiacres“ Leute gegen Bezahlung mit Pferdewägen transportiert. Das waren die damaligen Taxis. Auch in Wien war das üblich und hier ist der Name bis heute geblieben.
Das Beeindruckendste und gleichzeitig der Namensgeber des Platzes ist natürlich der Stephansdom. Seit fast neunhundert Jahren steht an dieser Stelle eine Kirche und seit fast sechshundert Jahren sieht sie ungefähr so aus wie heute. Am Stephansdom wurde fünfundsiebzig Jahre lang gebaut. Im Jahr vierzehnhundertdreiunddreißig wurde der Dom fertiggestellt. Damals war er mit seinem einhundertsechsunddreißig Meter und vierzig Zentimeter hohen Südturm für fünfzig Jahre das höchste freistehende Gebäude der ganzen Welt. Das Material aus dem der Dom gebaut ist, ist Kalksandstein aus Niederösterreich. Dieser ist sehr empfindlich. Deswegen muss der Stephansdom kontinuierlich betreut werden. Dafür gibt es ein ganzes Team an fix angestellten Restaurateuren.
Doch nicht nur nach oben ist der Stephansdom beeindruckend, auch nach unten bietet er Interessantes. In den sogenannten Katakomben finden sind dreißig Grabkammern für Bischöfe und Fürsten und mehr als zehntausend weitere Leichen. Dieser unterirdische Friedhof ragt seitlich neben dem Dom bis unter die Fußgängerzone.
In den Katakomben gibt es noch etwas komplett Einzigartiges. Dort lebt ein Tier, das ausschließlich nur dort gesehen wurde und sonst nirgends auf der Welt. Es hat den Namen Megalothorax sanctistephani. Der Name würde jetzt etwas anderes vermuten lassen, doch es ist eher ein Tierchen als ein Tier, es ist Null Komma neununddreißig Millimeter groß und lebt unter dem Boden der Katakomben. Megalothorax sieht meiner Meinung nach ein bisschen aus wie ein Floh. Ich finde diese Einzigartigkeit trotzdem sehr beeindruckend!
Bis ins achtzehnte Jahrhundert war direkt neben dem Stephansdom ein Friedhof und ein Platz auf dem Gerichtsprozesse, Märkte und kirchliche Feste stattgefunden haben. Besonders spannend finde ich, dass Glücksspiel damals auf diesem Friedhof betrieben wurde. Unter anderem auch Mönche vergnügten sich nachts dort bei verbotenen Glücksspielen.
Damals gab es häufig Stadtbrände. Die erste Kirche, die an diesem Platz erbaut wurde, ist gleich zwei Jahre später wieder abgebrannt. So ging das über die Jahrhunderte weiter. Zuletzt wurde der Stephansdom beim Krieg Neunzehnhundertfünfundvierzig teilweise durch ein Feuer zerstört.
Die Größe des Platzes hat sich auch immer wieder geändert. Bevor er so ausgesehen hat wie heute, gab es eine Häuserreihe mehr und der Platz war dadurch nur halb so groß und abgetrennt von dem daneben liegenden Stock-im-Eisen-Platz. Zuletzt wurde die Oberfläche des Stephansplatzes Zwanzigsechzehn bis Zwanzigsiebzehn neu gestaltet. Die ganze Fläche wurde mit sechsunddreißigtausendvierhundert Granitplatten aus dem Waldviertel in Niederösterreich neu gestaltet. Du weißt nun schon über die Geschichte des Platzes Bescheid. So kannst du dir sicher vorstellen, dass jede Bautätigkeit unter der Erde in dieser Gegend schon in geringer Tiefe Überraschungen ans Tageslicht bringt. Beim letzten Umbau wurde zum Beispiel ein Skelett gefunden. So ein Fund ist interessant und geschichtlich wichtig. Er muss jedoch von Experten in oft monatelanger Arbeit geborgen werden. Das verzögert den Baufortschritt sehr und macht jede Baustelle in dieser Gegen noch teurer.
Über diesen altehrwürdigen Boden sind wir also gestern spaziert. Die Feier hat noch lange gedauert. Martin hat eine tolle Geburtstagstorte bekommen und er hat es geschafft, alle Kerzen gleichzeitig auszublasen, obwohl es doch schon viele waren. Als Geschenk hatte seine Frau die Gäste schon vorher informiert, dass sie gerne eine Reise machen würden. So konnte man einen kleinen Geldbeitrag dafür schenken. Das ist heutzutage üblich und praktisch für alle Beteiligten. Ich finde es jedes Mal schön, in die Innenstadt zu fahren und bin dankbar, dass ich neben einer so schönen Stadt lebe.
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