
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern habe ich mit meinem Sohn Leon einen entspannten Abend verbracht. Wir haben uns Popcorn vorbereitet und es uns am Sofa gemütlich gemacht. Dann haben wir uns überlegt, was wir uns gerne anschauen möchten. Es standen ein Actionfilm, eine Liebeskomödie und eine Serie zur Auswahl. Die Serie über Sigmund Freud hatte besonders gute Kritiken, deswegen haben wir uns dafür entschieden. Das Leben des berühmten österreichischen Arztes wurde spannend und unterhaltsam dargestellt. Heute habe ich mich gefragt, ob diese Darstellung der Realität entsprochen hat und ich habe über Sigmund Freud recherchiert.
Er war ein faszinierender und bewundernswerter Mensch. Im Mai achtzehnhundertsechsundfünfzig wurde er als Sohn des Wollhändlers Jakob und seiner Frau Amalia in Mähren geboren. Das war damals ein Teil des Kaisertums Österreich. Das Land war mehr als acht Mal so groß als es heute ist. Die Eltern bekamen danach noch sieben weitere Kinder. Sie waren eine arme Familie.
Sigmund wurde als der Älteste und anscheinend auch Intelligenteste deutlich bevorzugt. Als die Familie nach Wien zog, war er der einzige, der ein eigenes Zimmer bekommen hat. Sein ganzer Raum war voll mit Büchern und der Rest der Familie musste sich zumindest teilweise nach ihm richten. Zum Beispiel hat eine seiner Schwestern Klavier gespielt. Das war Sigmund zu laut, weil er sich bei seinen Studien nicht konzentrieren konnte. So wurde kurzerhand das Klavier aus der Wohnung entfernt. Das Lernen fiel ihm sehr leicht. Er erledigte weit mehr als von ihm verlangt wurde und er hatte am Gymnasium großartige Noten. Nebenbei hat er noch seine Geschwister beim Lernen unterstützt.
Das österreichische Wort „Matura“:
Unter Matura versteht man die Schulabschlussprüfung nach frühestens zwölf Schuljahren. Sie ist dem deutschen Wort Abitur gleichzusetzen und gibt die Berechtigung zu einem Hochschulstudium. Das Wort hat lateinischen Ursprung, wo „maturus“ reif werden oder erwachsen werden bedeutet.
Sigmund hat seine Matura natürlich mit Auszeichnung bestanden. Danach hat er ebenso erfolgreich Medizin studiert. Auch an der Uni hat er zusätzliche Vorlesungen besucht. Vor allem Psychologie und Philosophie haben ihn interessiert. Diese Kombination war die Grundlage für seine bahnbrechende Entwicklung der Psychotherapie. Doch so einfach war dieser Weg in der damaligen Zeit nicht!
Zuerst hat Sigmund nach Abschluss seines Studiums im ersten öffentlichen Kinderkrankenhaus in Wien gearbeitet und an der Universität geforscht. Eines seiner wohl wichtigsten Erlebnisse war ein Forschungsaufenthalt in Paris, wo er die Kunst der Hypnose erlernt hat. Nachdem er von Frankreich wieder zurück in Wien war, wandte er sich mehr und mehr der Erforschung seelischer Erkrankungen ohne körperlicher Ursache zu. Unter seinen Arztkollegen traf das auf wenig Verständnis und sein Ruf wurde immer schlechter. Er hatte eine kleine Ordination in der er sehr wenige Patienten hatte. Vor allem Frauen mit psychischen Problemen und wenig Geld kamen zu ihm. Damals nannte man Menschen mit psychischen Beschwerden „hysterisch“, was heute eher ein Schimpfwort wäre.
Gleichzeitig hatte Sigmund schon seine Frau Martha geheiratet und im Laufe von neun Jahren haben die beiden sechs Kinder bekommen. Das Leben der Familie mit dem wenigen Geld war sehr schwierig. Trotzdem haben alle Kinder überlebt. Das war in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich und hatte sicher mit Sigmunds medizinischem Wissen und seiner Erfahrung aus dem Kinderkrankenhaus zu tun.
Ich finde es besonders beachtlich, dass Sigmund Freud sich durch schwierige Lebensumstände und Ablehnung seiner Meinung nicht von seinem Weg abbringen ließ, weil er vom Guten und vom Sinn seines Tuns überzeugt war.
Anfangs gab es nur einen einzigen Kollegen mit dem er sich über die Theorien zur Entwicklung der Psychotherapie austauschen konnte. Das war Wilhelm Fließ in Berlin mit dem er regelmäßig Briefe wechselte. Dann haben sich endlich auch in Wien einzelne jungen Ärzte gefunden, die sich für seine Überlegungen interessierten. So hat sich eine kleine Gruppe von fünf Männern jeden Mittwoch Abend im Wartezimmer seiner Ordination getroffen, der Behandlungsraum war zu klein für alle. Unter ihnen war auch Viktor Adler, der später selbst ein wichtiger Entwickler der Psychotherapie wurde. Übrigens haben diese Männer damals ununterbrochen Zigarre geraucht. Man konnte beim Betreten des Raumes kaum etwas sehen. Das wird leider im späteren Leben Sigmund zu seinem Verhängnis.
Neunzehnhundertacht, als Sigmund bereits zweiundfünfzig Jahre alt war, hat diese Gruppe gemeinsam die Wiener psychoanalytische Vereinigung gegründet. Ab da ging es endlich bergauf mit der Anerkennung durch die Kollegenschaft und somit auch durch die Patienten. Die Praxis ist immer besser gelaufen und Sigmund hat von acht bis einundzwanzig Uhr an sechs Tagen die Woche Patienten empfangen. Danach widmete er sich seinen Forschungen bis ein Uhr nachts. Nur am Samstag traf er sich nach der Ordination mit seinen Freunden zum Kartenspielen. Der Sonntag gehörte ganz seiner Familie.
Eine der wichtigsten Aussagen seiner psychoanalytischen Theorien ist, dass psychische Probleme häufig ihren Ursprung in der frühen Kindheit haben. So war Sigmund für die damalige Zeit ein ungewöhnlich liebevoller Vater. Er hat Mädchen und Buben gleich gefördert und hat auch seinen Töchtern eine gute Ausbildung ermöglicht. Seine Tochter Anna ist ganz in seine Fußstapfen gestiegen und hat sich auch nach seinem Tod weiter seiner Arbeit gewidmet.
Leider hat die unproblematische Zeit in Sigmunds Leben nicht lange angedauert. Drei folgenschwere Ereignisse haben im Laufe der Jahre noch stattgefunden. Der erste Weltkrieg hat begonnen und damit schwere Lebensumstände für alle. Neunzehnhundertdreiundzwanzig bekam Sigmund nach dem jahrzehntelangen Rauchen von Zigarren seine Mundkrebsdiagnose. Bis zu seinem Tod hatte er innerhalb von sechzehn Jahren fünfzig Operationen. Schließlich musste er vor seinem Lebensende Neunzehnhundertachtunddreißig als Mensch mit jüdischen Wurzeln noch vor seiner Verfolgung flüchten. Immerhin konnte er mit seiner ganzen Familie nach London gehen, wo er herzlich empfangen wurde und alle gemeinsam in einer Villa leben konnten. Schon im nächsten Jahr war seine Krebserkrankung so weit fortgeschritten, dass er sich im Alter von dreiundachtzig Jahren von einem Kollegen eine tödliche Dosis Morphium spritzen ließ. Sigmund Freud blieb also bis zu seinem Ende konsequent dabei, die Entscheidungen über den Verlauf seines Lebens selbst zu treffen.
Die Serie, die Leon und ich schauen, stimmt nicht immer ganz mit den echten Personen und Daten aus Freuds Leben überein. Sie ist aber spannend als Krimi gemacht. So werden wir die nächsten Folgen sicherlich auch anschauen. Ich freue mich schon auf unsere gemütlichen gemeinsamen Abende.
