
Hallo, ich bin Julia. Ich erzähle dir von meinem Leben in Österreich. Den Text zum Mitlesen findest du auf leichterdeutschlernen.com.
Gestern habe ich mich mit einer Freundin getroffen. Wir haben uns beim Schloss Belvedere verabredet und sind durch den Schlosspark spaziert. Es war endlich ein angenehm warmer Frühlingstag nach dem langen Winter. Die Sonne hat geschienen und wir haben uns nett unterhalten beim Gehen. Schließlich haben wir Hunger bekommen. Wir hatten schon ewig kein Schnitzel gegessen und so haben wir uns ein klassisches österreichisches Lokal gesucht. Dort gab es tatsächlich an diesem Tag ein Schnitzel mit Kartoffelsalat als Mittagsmenü. Wir konnten sogar schon draußen sitzen und die Sonne weiter genießen.
Das Schnitzel gehört zu den bekanntesten Spezialitäten der österreichischen, genauer gesagt der Wiener Küche. Es gilt als die Lieblingsspeise der österreichischen Bevölkerung. Was ist eigentlich ein echtes Wiener Schnitzel? Traditionell wird es aus Kalbfleisch zubereitet. Kalbfleisch wird in Stücke geschnitten und mit einem Schnitzelklopfer, also mit einem speziellen Hammer, flacher gemacht. Danach wird es paniert. Für die Panade benötigt man Mehl, verrührte und gesalzene Eier und Semmelbrösel. Semmeln sind die typischen österreichischen Brötchen. Diese werden getrocknet und fein gemahlen und verleihen dem Schnitzel seine goldene Farbe. Zuerst wendet man das Fleisch in Mehl, dann zieht man es durch die Eiermischung und drückt schließlich die Semmelbrösel als letzte Schicht auf das Fleisch. Das so vorbereitete Schnitzel wird in Schweineschmalz schwimmend gebacken. Heute verwendet man oft statt Kalbfleisch auch Schwein, Huhn oder Pute und statt Schweineschmalz Frittieröl.
Zu dem Schnitzel serviert man eine Zitronenspalte und Kartoffelsalat. Wobei der klassische Österreicher nicht Kartoffelsalat sagt, sondern Erdäpfelsalat.
Das österreichische Wort
Erdapfel: Eine Kartoffel wird in Österreich gerne als Erdapfel bezeichnet. Also wie ein Apfel, der nicht auf einem Baum, sondern in der Erde, im Boden, wächst.
Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert wurden Speisen von der reichen Bevölkerung manchmal mit Blattgold vergoldet gegessen – das galt als gesund für das Herz und wurde medizinisch empfohlen. Später wurde das dann verboten, weil es Verschwendung einer begrenzten Ressource war. Anstatt dessen verwendete man die goldfarbene Panier. Ich denke, dass auch der Geschmack von Panier deutlich besser ist, als der von Gold.
Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde der Begriff „Schnitzlein“ für in Scheiben geschnittene Fleischteile verwendet. Der Begriff ist verwandt mit den Wörtern „schnitzen“, „schneiden“ oder „der Schnitt“. Damals wurde ein so zubereitetes Fleisch nur in feinen und reichen Häusern serviert.
Das Wort „Wiener Schnitzel“ konnte man erstmals im Jahr achtzehnhunderteinunddreißig in einem Kochbuch lesen. Schon davor, im Jahr siebzehnhundertachtundneunzig war von dem „gebachenen Schnitzel“ die Rede im kleinen österreichischen Kochbuch. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war ein Schnitzel bei Festmahlzeiten fixer Bestandteil des Menüs. Seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts steht das Schnitzel üblicherweise in jedem österreichischen Gasthaus auf der Speisekarte.
Besonders berühmt für sein gutes Schnitzel ist das Restaurant Figlmüller im ersten Wiener Bezirk. Das Restaurant macht aus dem Rezept kein Geheimnis. Auf seiner Homepage findet sich eine ausführliche Anleitung mit Zutaten, Bildern und Beschreibung zur Zubereitung des perfekten Schnitzels. Wem das noch zu wenig ist, der kann die „Wiener Schnitzelakademie“ besuchen. Darunter versteht man einen Kochkurs im Restaurant für eine Gruppe in dem sich alles um das Schnitzel dreht.
Am einfachsten ist es allerdings, sich einen Tisch zu reservieren und ein Schnitzel direkt im Figlmüller zu bestellen und zu genießen. Das bekommt man aus Schwein um siebzehn Euro und neunzig Cent. Die Beilagen dazu kosten extra. Es stehen zahlreiche Salate, Petersilkartoffeln und Reis zur Auswahl. Reis wird in Österreich auch manchmal als Beilage zum Schnitzel verwendet. Das ist allerdings Geschmackssache. Ich kann mich für diese Kombination nicht begeistern. Die in Deutschland übliche Sauce zum Schnitzel ist in Österreich nicht zu finden. Höchstens Preiselbeeren in Form von Marmelade werden dazu gereicht. Junge Leute haben gerne Ketchup und Pommes Frittes zu ihrem Schnitzel.
In Amerika gibt es eine Franchisekette mit dem Namen „Der Wienerschnitzel“. Das ist grammatikalisch natürlich falsch, weil es „Das Wienerschnitzel“ heißt. Der Gründer hat sich neunzehneinundsechzig mit seiner Frau besprochen und sie haben diesen Namen originell und einprägsam gefunden. Über die korrekte Grammatik haben sie sich anscheinend keine Gedanken gemacht. Interessant ist, dass es in „Der Wienerschnitzel“ Hotdogs und Burger gibt und man nach einem Schnitzel vergeblich sucht. Die erste Drive-in-Filiale der Kette befindet sich in Los Angeles direkt neben dem Highway, Sie hat mittlerweile solche Berühmtheit erlangt, dass sie unter Denkmalschutz gestellt wurde.
Wenn du also das nächst Mal Hunger hast, kannst du dir ein Stückchen von deiner Goldkette abschneiden. ich denke, es ist nicht mehr verboten, Gold zu essen. Oder du machst dir doch ein feines Wiener Schnitzel. Gesundes gibt es dann morgen.
Meine Freundin und ich haben es übrigens nicht geschafft, unsere Schnitzel ganz aufzuessen. Oft sind die Portionen riesig und das Schnitzel ist größer als der Teller. Der Kellner hat uns dann ein Stück Alufolie gebracht, um die Reste mit zu nehmen. Es ist in Österreich durchaus üblich, Speisereste mit nach Hause zu nehmen, wenn man sie nicht aufessen konnte.
